7. Nacht der Kunst

Bei der 7. Nacht der Kunst am 6. Februar lud die Stadtgemeinde alle Kunst-Vereine und Künstler:innen ein, die das Kalenderjahr 2025 zu etwas ganz Besonderem gemacht haben. Mit Preisen bedacht wurden von unserer Jury die folgenden Leistungen.

Die Preisträger:innen:

1. Bestes Theaterstück für Kinder: „Durchanond im Märchenland“ – Heimatbühne Kuftein

2. Beste Performance- & Bewegungskunst: Verein Freigeist – Pole Dance

3. Bestes Kunsthandwerk: Fastenkrippenbau von Heinz Sappl

4. Beste Kunst-Ausstellung: Galerie Dialog – Bildhauersymposium Spurwechsel

5. Preis der Stadt Kufstein: Streicherensemble der Musikschule Kufstein unter der Leitung von Bahram Pietsch

6. Beste Avantgarde-Musik: Klangfarben Kulturverein

7. Beste Musikveranstaltung: Da G’schupfte Ferdl – Kulturverein Wunderlich

8. Beste Foto-Kunst: Fotografie von Alexander Horejs

9. Beste Literaturveranstaltung: Sprachsalz – Internationale Tiroler Literaturtage Kufstein

10. Bester Nachwuchskünstler: Elia Ritter für seine Rolle in „Vincent will Meer“ beim Theater in der Arche Noe

11. Bestes Theaterstück: Hamlet – Stadttheater Kufstein

12. Bestes Jahresprogramm: Theater in der Arche Noe / Verein Arche Noe

13. Herausragende Leistung eines Künstlers Klaus Weninger

Und hier meine Eröffnungsrede zum Nachlesen:

Herzlich willkommen allerseits, zur siebenten Nacht der Kunst, bei welcher wir diesmal auf das vergangene Kalender 2025, das letzte Jahre des ersten Viertels der 21. Jahrhunderts, Rückschau halten wollen – und uns daran erinnern möchten, welche künstlerischen Höhepunkt es in diesem seltsamen Jahr hier bei uns in Kufstein gegeben hat.

Es war ein Jahr, das gewiss an niemanden spurlos vorüber gegangen ist, ein Jahr das tiefe Furchen gegraben hat, ein Jahr, dass – vor allem gesamtgesellschaftlich und weltpolitisch betrachtet – nicht immer leicht zu ertragen war. Wir leben in verstörenden Zeiten. Dieser Satz gilt nicht nur für 2025, er gilt für die ersten Wochen des neuen Jahres umso mehr.

Alte Gewissheiten verschwinden zunehmend. Mit dem gestrigen Tag stehen Amerika und Russland zu ersten Mal seit fünfzig Jahren ohne nuklearen Abrüstungsvertrag da und ein neues Wettrüsten scheint denkbar. Begonnen hat das Jahr mit der Drohung, dass ein Nato-Land, dem anderen mit militärischer Gewalt Gebiet streitig macht, was das Ende einer über 70 währenden Weltordnung bedeuten würde. Denken wir an die Tausenden Leute, die jetzt eben frierend und ohne Licht in den stromlosen Wohnungen Kiews sitzen. Denken wir an den andauernden Völkermord im Sudan. Denken wir an die CO2 Konzentration in der Atmosphäre, die schneller wächst als je zuvor und in diesen Tagen zum ersten Mal seit fünf Millionen Jahre die 430 ppm übersteigt. Denken wir an KI, deren Fähigkeiten und Möglichkeiten weiter wuchern und mitnichten einer ethischen Kontrolle unterliegen. Immer größer wird nach statistischen Erhebungen die Zahl jener Menschen, vor allem junger Menschen, die kein Vertrauen mehr in die Zukunft und keine Hoffnung auf ein besseres Morgen haben.

Foto: Yasmin Jiménez Aguilera

Bei all dem stellt sich vielleicht vielen die Frage: Wie nicht verzagen? Wieso sich da noch ehrenamtlich engagieren, um Säle zu füllen und Unterhaltung zu bieten. Warum also noch Kunst machen?

Und die Antwort ist: Weil es gerade jetzt wichtiger ist denn je. Neben all den Dingen, die Kunst vermag, war eine ihrer Hauptfunktion schon immer, den Menschen in schwierigen Zeiten Halt zu geben, den Menschen Trost zu spenden – und Hoffnung – und Zuversicht – und einen Hauch von Glück. Mit der Kunst besinnen wir uns aufs Gute im Menschen, auf die Großartigkeit unserer Schaffenskraft, auf unser Vermögen, einander zu bezaubern. Es geht dabei nicht darum, die Wirklichkeit schönzureden und die Probleme unserer Zeit zu verdrängen. Vielmehr soll Kunst in Erinnerung rufen, dass es neben allen Schattenseiten des Daseins auch fantastische Sternstunden und Lichtmomente gibt, in den Menschen Kunstwerke schaffen, die ihre Zeit überdauern und nie aufhören, andere zu inspirieren und zum richtigen Handeln anzuregen.

Denn was immer man über den Menschen auch Schlechtes sagen kann, man wird nie leugnen können, dass er fantastische Kunstwerke geschaffen hat – in der Literatur, auf den Bühnen der Welt, in der Klängen der Musik, in Formen und Farben. Kunst gibt uns etwas, worauf wir als Menschen guten Gewissens stolz sein können – und das uns zuversichtlich stimmt, auch die Probleme der Gegenwart meistern zu können. Dies gilt im Großen, doch auch im Kleinen, auch in der Kleinstadt, auch in Kufstein.

Unsere Kunstvereine und Künstler:innen haben im Jahr 2025 wieder Zehntausende Menschen begeistert, sie erfreut, sie jubeln lassen, ihnen Hoffnung, Besinnung und schöne Gedanken geschenkt. Ihnen Trost gespendet. Und das ist so wichtig – nicht nur, was die Wirkung auf die breite Masse, sondern auch auf den Einzelnen betrifft. Die Geschichte ist voller Beispiele, wie einzelne, besondere, junge Menschen, durch ein Theaterstück, durch ein Musikerlebnis, durch Literatur – oft erlebt in kleinen Städten – eine Art Erweckungserlebnis erfahren, das ihr Leben in neue Bahnen wirft und sie später selbst zu großen Künstler:innen überregionalen Ranges werden lässt. Gerade die Jugend muss inspiriert und mitgerissen werden, muss darauf aufmerksam, wie wichtig Kunst und wie sehr diese Hoffnung zu geben vermag. Deshalb ist es so wichtig, dass auch Kleinstädte wie Kufstein ein möglichst dichtes, möglichst vielfältiges künstlerisches Leben haben – und da sind wir fantastisch aufgestellt.
Wir haben Musikrichtungen aller Genres, wir haben Trachtenvereine und Literaturfestivals, wir haben Circus und Kabarett, wir haben Galerien und Tanz, Skulpturen und Streetart … und sehr viel Theater. All das vermag so viel. Und all dies haben wir dank euch … ihr emsigen Zauberer:innen der Kufsteiner Kunstszene, die ihr heute hier bei dieser „Nacht der Kunst“ versammelt seid.
Es ist auch wichtig, dass wir Feste wie diese haben. Dass wir als Stadtgemeinde Kufstein uns bei euch allen erkenntlich zeigen und uns gemeinsam erinnern an die Höhepunkte des vergangenen Jahres. Und deshalb sind wir heute hier.

Bildervortrag und Buchpräsentation am 18.3.

Mit vielen Bildern erzähle ich von meiner 22 Tage langen Durchquerung der spanischen Region Valencia und präsentiere gleichzeitig mein 15. und bisher schönstes Buch über meine Weitwanderungen auf dem E4, welcher auch mitten durch Kufstein verläuft.

Es warten beeindruckende Schluchten, wunderschöne Dörfer in dünn besiedeltem Hinterland, Kiefernwälder und Steineichen, Burgen und Aquädukte aus maurischen Zeiten, Nächte im Zelt fernab der Zivilisation und überdies – die Gedanken und Gefühle eines Wanderers auf vielen Wegen.

40 Runden um die Sonne feiern

Schön war’s, die Vollendung meiner 40. Runde um unser Zentralgestirn mit einem wunderbaren Fest im Kaiserturm der Festung Kufstein zu feiern. Ich danke allen Gästen für ihre Gaben, ihre Ansprachen, ihre Lieder.
Es war wunderbar meine Eltern, meine beiden Brüder, Cousins, Cousinen, Tanten, Onkel, Neffe und Nichte dabei zu haben. Dazu kamen alte und neue Freunde aus der Welt der Astroteilchenphysik, des Theaters, der International School, der Kufsteiner Stadtpolitik und allen anderen Universen, die ich in meinem Leben schon durchschreiten durfte. Dank auch an die Festung Kufstein für die hervorragende Bewirtung.
Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt: das Glück, in diese Epoche und Weltregion hineingeboren zu sein; das Glück, so eine tolle Familie zu haben; das Glück, oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein; das Glück, so einen gesunden Körper zu haben und vor allem auch das Glück, mit Maria so eine wunderbare Partnerin fürs Leben gefunden zu haben. Die ersten 40 Jahre sind um. Schon jetzt kann ich mit meinem Leben nur zufrieden sein.

Warten auf Godot 2026

Habe ich geschlafen, während die anderen litten?

Schlafe ich gar in diesem Augenblick?

Wenn ich morgen glaube, wach zu werden, was werde ich dann von diesem Tage sagen?

Dass ich mit meinem Freund Estragon an dieser Stelle bis in die Nacht gewartet habe auf Godot?

Dass Pozzo mit seinem Träger vorbeigekommen ist und dass er mit uns gesprochen hat? Wahrscheinlich.

Aber was wird wahr sein von alledem?

In einer leeren Landschaft steht ein Baum. Dort Warten Wladimir und Estragon auf Godot. Doch Godot kommt nicht. Noch nicht. Vielleicht wird er später kommen. Um sich die Zeit zu vertreiben, suchen Wladimir und Estragon verzweifelt nach Beschäftigung. Sie streiten, turnen, sprechen über ihre Leben, sprechen über ihre Leiden, essen Radieschen und gelbe Rüben, reden Nonsens, rennen wild hin und her, ziehen sich die Schuhe aus und wieder an, betrachten das Wetter, beschreiben die Landschaft, singen und träumen – doch nichts geschieht. Irgendwann kommt ein Mann vorbei, der einen weiteren Mann an einer Leine führt. Ist das Godot? Nein. Es ist Pozzo mit seinem Knecht Lucky. Wo wollen sie hin? Warum beherrscht der eine den anderen? In was für einer Welt sind wir hier nur gelandet? Tausend Dinge geschehen, doch nichts davon macht Sinn. Irgendwann gehen die seltsamen Neuankömmlinge wieder und Estragon und Waldimir sind einmal mehr allein in der Welt. Sie warten weiter auf Godot. Dann kommt die Nacht. Dann kommt der Tag. Und alles geht von vorne los.

“Warten auf Godot” ist für mich die Jubiläumsproduktion anlässlich der 20 Jahre, die ich jetzt schon  quasi ohne Unterbrechung für das Stadttheater Kufstein Stücke inszeniere. Nun gehe ich zurück zu den Wurzeln und zeige noch einmal meine allererste Produktion. Vieles wird so sein wie damals. Und doch werden zwei Jahrzehnte intensive Theatererfahrung sowie die wunderbaren Möglichkeiten des Kultur Quartiers, von dem wir damals ja nur träumen konnten, dazu führen, dass „Warten auf Godot“ im Jahre 2026 völlig anders anmutet als anno 2006. Wichtig ist mir auch, den Humor, der in diesem Stück an allen Ecken und Enden verborgen liegt, nicht zu kurz kommen zu lassen. Es darf auch gelacht werden.

Ensemble

Fotos und Print-Design: Maria Elisabeth Reitberger

Termine:

Sa 11.4. 2026 (PREMIERE) / Fr 17.4. / So 19.4. / Do 30.4. / Sa 2.5. / Fr 8.5.
sonntags 18:00, sonst 20:00

Zwanzig Jahre sind vergangen und für Estragon und Wladimir heißt es noch immer „Warten auf Godot“ – wie hat sich dein Blick auf das Stück seit der letzten Inszenierung vor 20 Jahren verändert?

Als ich damals im Alter von zwanzig Jahren als meine allererste Inszenierung ausgerechnet „Warten auf Godot“ wählte, war das ein großes Wagnis. Hätte das Stück im Jahr 2006 weniger Erfolg gehabt und weniger Freude gebracht, hätte es auch sehr leicht zugleich meine letzte Inszenierung sein können. Doch es kam anders. Ich habe seitdem 21 verschiedene Stücke beim Stadttheater Kufstein inszeniert. Und nun schlüpfen Franz Osl und ich einmal mehr in die Rollen von Estragon und Wladimir und warten – wie damals schon vergebens – auf Godot. Wir haben uns einmal versprochen, dieses Stück einfach alle zwanzig Jahre zu spielen, solange wir noch dazu in der Lage sind. Wer es diesmal verpasst, hat also 2046 wieder die Gelegenheit. Hat sich mein Blick auf das Stück selbst in all den Jahren geändert? Eigentlich gar nicht. Nur die Welt selbst hat sich stark verändert.

Wirst du das Stück weitgehend mit derselben Besetzung einstudieren bzw. handelt es sich um eine „Wiederaufnahme“ oder um eine komplette Neuinszenierung?

Auch wenn ein Teil der Besetzung und auch manch inszenatorisches Detail gleich bleiben, so kann man bei einem Zeitunterschied von zwanzig Jahren nur schlecht von einer Wiederaufnahme sprechen. Alle sind wir älter geworden. Die Welt ist anders geworden. Selbst wenn man es vermeiden wollte, hätte das Stück eine andere Wucht und Wirkung.

Die beiden Hauptdarsteller werden dieselben sein wie schon 2006. Franz und ich waren damals eigentlich viel zu jung für diese clownesken Figuren der beiden Landstreicher, die auf die Splitter zweier zerbrochener Leben zurückblicken. Auch jetzt sind wir noch zu jung. Beide Inszenierungen könnte man im Grunde als eine Vorübung für 2046 betrachten. Da haben wir dann in etwa das richtige Alter. Inzwischen sind wir aber doch auch als Schauspieler um einiges reifer geworden, haben beide zwanzig Jahre mehr Erfahrung gesammelt und sind jeweils in zahlreichen Hauptrollen auf der Bühne gestanden. Das wird man merken. Als neuer Pozzo wird Martin Heis in die Fußstapfen von Richard Dolar treten. Auch mit ihm bin ich schon in vielen Stücken auf der Bühne gestanden. Man erinnere sich an „Kosmetik des Bösen“. Besonders freut es mich, dass der ungemein talentierte Elia Ritter die Rolle des Lucky übernehmen wird. Auf das Furioso dessen berühmten Monologs darf man gespannt sein.

Welche Elemente werden eventuell aus der alten Inszenierung übernommen?

Man ist bei „Warten auf Godot“ rein rechtlich als Regisseur nicht ganz so frei wie bei manch anderen Stücken. Beckett hat hier klare Vorgaben hinterlassen, an die es sich zu halten gibt. Alle Rollen müssen männlich besetzt sein. Der Baum als zentrales Bühnenelement kann und darf nicht weggelassen werden. Er muss da sein. Wie man diesen Baum anlegt, etwa ob naturalistisch oder symbolistisch, ist natürlich eine andere Frage. Hier zwingt mich die Nostalgie dann aber doch, den Original Baum von 2006 wieder aus unserem Theater-Lager zu holen. Dass dieser überhaupt so viele Jahre überdauert hat, soll honoriert werden. Wir wollen ihn noch einmal ins Scheinwerferlicht tauchen. Vielleicht ist er 2046 auch noch einmal dabei.

Welche symbolische Bedeutung hat der Baum für dich?

Hierzu ein passendes Zitat aus dem Stück:

Wladimir: Nur der Baum lebt. 
Estragon: Was ist das für einer?
Wladimir: Das ist der Baum.

Im Unterschied zu Wladimir und Estragon muss der Baum auf niemanden warten. Er muss auch nicht nach einem Sinn des Lebens suchen. Der Baum ist sich selbst Sinn genug. Er geht vollends in seiner ihm eigenen Essenz auf. Mehr noch: Es geht ihm gut. Während die beiden Landstreicher zunehmend wirrer, irrer und verwahrloster werden, trägt unser Baum im zweiten Akt sogar wieder Blätter. Mit ihm geht es aufwärts. Mit Wladimir und Estragon geht es abwärts – und zwar deshalb, weil sie es in ihrer bloßen Existenz nicht schaffen, ihrem Leben eine Bestimmung zu geben. Denn das Warten auf Godot, dieses Nietzscheanische „Warum zu leben“, das ihnen ihr grässliches „Wie“ so halbwegs erträglich macht, ist letztlich nur ein Scheinsinn, ein Vorwand, der sie davor bewahrt, wahrhaft tätig zu werden und sich einer ernsthafteren Bestimmung zu widmen. Godot ist ein Alibi, um nichts zu müssen. Und daran geht die Welt zu Grunde. Und mit ihr auch Wladimir und Estragon.

Wie wirst du das Bühnenbild weiters anlegen? Was hast du in Sachen Licht vor?

Seit 2006 hat sich vieles verändert. Auch in Sachen Bühnentechnik haben wir ganz neue Möglichkeiten. Damals spielten wir noch im viel zu kleinen Kulturhaus. Jetzt haben wir im Kultur Quartier ein richtiges Theater mit fantastischer Lichttechnik und mehr. Wir werden uns austoben. Neben Baum und Steinhaufen wird wohl auch Beamer-Projektion Teil des Bühnenkonzepts sein. Das Vergehen der Zeit, der Ablauf der Dämmerung, Wind und Witterung werden spürbar sein. Man darf sich überraschen lassen.

Welche stilistischen Mittel nutzt Du, um die Zeitschleife und das Gefühl der Stagnation darzustellen?

Die ewige Wiederkehr des Gleichen, in der Waldimir und Estragon gefangen sind – und die aufgrund merklichen Verfalls weniger als Kreis sonders als abwärtsführende Spirale begreifbar ist – muss man nicht mit zusätzlichen Einfällen unterstreichen. Sie ist im Text enthalten und geht unweigerlich aus dem Spiel selbst hervor. Zumindest, wenn man es richtig macht. Beckett hat hier alles schon angelegt.

Was kann man durch die Beziehung zwischen Pozzo und Lucky über soziale Hierarchien und Machtverhältnisse lernen?

Fast in jedem Programmheft zu „Warten auf Godot“ muss anscheinend erwähnt werden, dass das Verhältnis von Pozzo und Lucky an Hegels Dialekt von Herr und Knecht erinnert. Das mag zweifelsohne so sein, jedoch kann man sich auch nach neuen Interpretationen umsehen. Was wäre, wenn wir Pozzos personal assistent namens Lucky als künstliche Intelligenz imaginieren? Wir lassen sie alle Aufgaben tun, die uns zu anstrengend sind. Wir lassen sie für uns Texte verfassen, für uns Musik aussuchen, für uns Hotels buchen, für uns denken – auch wenn manchmal Nonsens rauskommt. Und wir behandeln sie dabei als etwas nicht Menschliches, den Mensch ist sie ja keiner. Und doch – und hier beginnt der zweite Akt – werden wir irgendwann von ihr abhängig werden. Wir verlernen wertvolle Fähigkeiten, weil wir die KI alles machen lassen. Irgendwann ist sie es, die über unser Leben bestimmt und dabei vielleicht menschlicher wird als ihre Erfinder:innen – und wir sind dann alle so blind, wie Pozzo es gegen Ende des Stückes ist.

Estragon äußert oft den Wunsch, das Warten abzubrechen – wie gestaltest du den Konflikt deiner beiden Hauptfiguren? Wie würdest du die beiden charakterisieren?

Ich denke nicht, dass Estragon ernsthaft vorschlägt, nicht mehr auf Godot zu warten. Vielmehr vergisst er einfach, dass dies der Grund seines Daseins ist. Sobald ihn Wladimir daran erinnert, fügt er sich gleich wieder seinem vermeintlichen Schicksal. Trotzdem scheint er weniger Hoffnung zu haben als Wladimir. Das Versprechen, dass Godot irgendwann einmal doch noch kommen wird, erscheint ihm weniger glaubhaft. Ohne Wladimir hätte er schon aufgegeben. Einen großen Konflikt zwischen den beiden sehe aber nicht. Manch Zwist ist nur Spaß, um sich die Zeit zu vertreiben. Wladimir und Estragon sind letztlich doch gute Freunde, die einander bedingen und einander Stütze sind.

Kannst Du der „Allegorie des Wartens“ bezugnehmend auf die aktuelle Weltlage etwas abgewinnen? Inwiefern wirst du das in deine Inszenierung einfließen lassen?

Wie ich vorhin schon sagte, kann man das Warten auf Godot als Ausrede dafür betrachten, dass man untätig bleibt. Und dies ist fatal. Für die Welt und uns selbst. Manch politische Aussage erinnert heutzutage sehr an Becketts Theaterstück. Wenn man etwa behauptet, es wäre nicht nötig den CO2 Ausstoß zu reduzieren, weil ohne irgendwann eine überlegene Technologie käme, die das Problem des Klimawandels lösen werde, dann ist ebendies ein Warten auf Godot. Doch Godot wird wohl nicht kommen. In diesem Lichte betrachtet sollten wir das Stück „Warten auf Godot“ heutzutage als Aufruf dafür betrachten, eben nicht auf Godot zu warten, sondern stattdessen tätig zu werden und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wladimir und Estragon sehen diese Möglichkeit gar nicht. Für sie gibt es nur zwei Optionen: Auf Godot warten oder sich am Baum erhängen. Dabei könnten sie genauso gut ins nächste Dorf gehen und bei der Ernte helfen. Radieschen und gelbe Rüben wachsen dort zur Genüge.

(die Fragen stellte Andrea Maria Hölbl)

glück.tage im Kufsteinerland: Raoul Schrott

Am 4. Oktober 2025 gastierte Raoul Schrott bei den glück.tagen im Kufsteinerland und hielt auf der Bühne des Passionsspielhauses Thiersee einen Vortrag über sein Monumentalwerk: „Atlas der Sternenhimmel“. Es war mir eine Freunde, ihn dort ankündigen zu dürfen.

Schon vorab habe ich folgende Podcast-Folge mit ihm aufgenommen:

Wer kennt ihn nicht, den Blick zum nächtlichen Sternenhimmel, der seit Anbeginn der Menschheit unsere Fantasie beflügelt und zum Träumen anregt? Der österreichische Literaturwissenschaftler, Komparatist und Schriftsteller Raoul Schrott lädt im Passionsspielhaus Thiersee ein zu einer faszinierenden Reise durch die Mythen und Geschichten, die in den Sternbildern verschiedener Kulturen über Jahrtausende hinweg entstanden sind.

Raoul Schrott, bekannt für seine preisgekrönten Romane und epische Lyrik, verbindet in diesem außergewöhnlichen Werk Wissenschaft, Dichtung und kulturelle Erzähltraditionen zu einem einzigartigen Mosaik der Menschheitsgeschichte. Mit beeindruckender literarischer Kraft erweckt er die Mythen zum Leben, die einst in den Himmelswelten der alten Ägypter, australischen Aborigines, Inuit, Tuareg und vieler anderer Völker wurzelten. Dabei zeigt Schrott, wie eng die Sterne mit unserem Selbstverständnis verwoben sind – als Wegweiser, Geschichtenerzähler und Spiegel menschlicher Kreativität.

Der „Atlas der Sternenhimmel“ ist mehr als eine Sammlung von Geschichten. Er ist ein künstlerisches und wissenschaftliches Werk, das uns einlädt, die Verbindungen zwischen Himmel und Erde, zwischen Mythos und Mensch neu zu entdecken. Raoul Schrott gelingt es, die kosmischen Erzählungen zu einem universalen Epos zu verweben, das den Bogen von der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart spannt. Dadurch eröffnet er nicht nur neue Perspektiven auf die Sterne, sondern auch auf uns selbst.

Mehr Infos zur Veranstaltung: https://www.glueck-tage.com/

Gedanken zum Film „Kein Tier. So Wild.“

Manche Filme sind so gut, dass mein einfach ein paar Worte darüber schreiben muss, ehe man sich wieder anderen Dingen zuwendet. Burhan Qurbanis „Kein Tier. So Wild“ ist ein wirklich außergewöhnliches Kunstwerk, welches auf Shakespeares Richard III. basiert, jedoch nicht im England des 15. Jahrhunderts sondern im Berlin der Gegenwart angesiedelt ist. Statt britischen Königsfamilien konkurrieren hier arabische Clans um Macht, Geld und Vorherrschaft. Als jemand, der Richard III. vor ein paar Jahren selbst inszeniert hat und dieses Stück in und auswendig kennt, dachte ich nicht, dass mich irgendeine Version davon noch derart begeistern könnte, so als hätte ich das Gefühl, etwas ganz Neues und Unbekanntes zu erleben. „Kein Tier. So Wild.“ vermochte eben dies.

Auch manch Geschlechterrolle ist vertauscht. Aus Richard wird Rashida – famos gespielt von der 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohenen Schauspielerin Kenda Hmeidan. Mühelos steigt sie in die Fußstapfen all jener großen Mimen, die Shakespeares berühmtesten Bösewicht schon verkörperten – und sie spielt diese Rolle so unheimlich und furchterregend, wie es wohl noch nie jemand vor ihr tat. Besonders beeindruckend ist, wie sie sich die deutsche Sprache zu eigen macht und ihr eine erfrischend neue und zugleich überraschend harte Färbung verleiht. Hat man in anderen Versionen von Richard III. oft das Gefühl, dass es sich um eine Übersetzung handelt, klingt das Stück in diesem Film plötzlich so, als wäre es in dieser Sprache und für diese Sprache geschrieben worden. So richtig klang Richard III. auf Deutsch noch nie, und dies obwohl – und eben deshalb – weil fast alle Darstellenden Migrationshintergrund haben. Die Ausnahme ist hierbei die grandiose Verena Altenberger, die als deutsche Frau des Clanführers Imad – und als letztlich triumphierende Antagonistin Rashidas – einen wunderbaren Kontrast zum übrigen Ensemble bildet. Auch sie spielt ihre Rolle wieder einmal hervorragend.

Das größte Lob gilt aber dem Regisseur Burhan Qurbani, dem in Deutschland geborenen Sohn afghanischer Eltern, der mit seinen Filmen und seiner Besetzung einmal mehr aufzeigt, wie sehr Migration unsere Kultur und unsere Kunst zu bereichern vermag.

Sprachsalz 2025

Auch 2025 durfte ich wieder am Internationalen Literaturfestival Sprachsalz in Kufstein teilnehmen und als Moderator durch eine Lesung und ein Bühnengespräch mit dem russischen Exil-Schriftsteller Viktor Jerofejew geleiten. Wir unterhielten uns über russische Literatur, über seine Vorbilder Dostojewski und den Marquis de Sade, über den Krieg in der Ukrainie, über Stalin und Molotow, über Nemzow und Nawalny – und natürlich auch über sein neues Buch „Der große Gopnik“ und den Diktator, auf den dieser Titel verweist: Wladimir Putin. Schön war der Moment, als die Literatur es uns erlaubte, diesen Mächtigen der Lächerlichkeit preiszugeben und der ganze Saal herzhaft über einen Despoten zu lachen vermochte.
Es war mir eine Ehre.

Hier die Youtube-Videos zum Gespräch und zur Lesung.

Weites Land

Im aktuellen Vortrag erzähle ich von meiner 1200 km langen Durch-querung der Pannonischen Tiefebene. Es erwarten Sie Bilder und Erinnerungen von einsamen Landstrichen und üppig grünen Akazien-wäldern. Ich erzähle von den Flusslandschaften der Theiß und der Donau, von beschaulichen Dörfern und mächtigen Burgen. Auch in den großen Städten Debrecen, Szeged und Belgrad habe ich einiges erlebt. Spannende Tier- und Menschbegegnungen gab es wohl jeden Tag.

Kommen Sie mit auf eine Reise durch das östliche Ungarn und das nördliche Serbien.

Mein serbisches Abenteuer

Das neue, mittlerweile 15. Buch über meine Fernwanderungen auf der E4 ist fertig!

Alle, die gerne von kuriosen Begegnungen am Wegesrand im Norden Serbiens, von Burgen und Flusslandschaften, von schönen Dörfern und endlosen Sonnenblumenfeldern, von freundlichen Menschen und schönen Tierbegegnungen hören wollen, können das Buch ab sofort als Taschenbuch oder E-Book auf Amazon erwerben. Gespickt mit interessanten geographischen und historischen Fakten habe ich versucht, möglichst hautnah am Wandererleben von dieser spannenden Etappen zu berichten. Und auf jeder Seite gibt es auch ein schönes Bild dazu.

Und schon einmal zum vormerken:

Am 18. September werde ich im Saal der Landesmusikschule einen Bildervortrag über diese und die vorhergehende Etappe halten.